Sommer-Apothekenbirne

Ob wohl die „Zuckerbirnengasse“ in Meckenheim nach ihr benannt wurde? Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei der Sorte mit der volkstümlichen Bezeichnung um die in der Pfalz einst weit verbreitete und heute noch im Raum Neustadt anzutreffende Sommer-Apothekerbirne, wie die Sorte mit offiziellem Namen heißt, handeln dürfte.

Es kommt in unserer Region kaum vor, dass Straßen einer bestimmten Obstsorte gewidmet wurden. In Heidelberg gibt es eine Schlosskirschen-, eine Renetten- und eine Weinbirnenstraße. Während die erste nach einer frühen Süsskirsche benannt wurde, sind die anderen beiden jeweils nach einer Gruppe von Apfel- bzw. Birnensorten bezeichnet.

„Ihr Fleisch ist nicht derb, auch nicht leicht schmelzend, aber mild genug; voll Safftes, und wenn sie recht reift ist, von zuckersüssem, feinen, gewürzhafften Geschmack, eben als ob sie mit Zucker und Gewürz eingemacht wäre, daher sie denn von den Liebhabern, denen sie wohl bekannt ist, für eine der niedlichsten Birnen ihrer Zeit gehalten wird“: So lyrisch äußerte sich Johann Caspar Schiller (Vater von Friedrich Schiller) in seinem 1793 erschienenen Buch „Die Baumzucht im Großen“ über die ‚Sommer-Bonchretien‘, wie die Sorte damals genannt wurde.

Ihr Ursprung verliert sich im Dunkel der Geschichte. „Ist wahrscheinlich eine alte deutsche Sorte oder sie ist doch schon sehr lange bei uns bekannt“, heißt es im „Illustrierten Handbuch der Obstkunde“ von 1860. Anfang des 17. Jahrhunderts erwähnt Olivier des Serres die Bon Chretien d’Ete (übersetzt: „Gute Sommer-Christenbirne“) für Frankreich. Noch früher wird sie von dem pfälzischen Arzt und Botaniker Hieronymus Bock in dessen „Kreutterbuch“ von 1539 beschrieben.

Am besten ist es für die Sommer-Apothekerbirne, wenn sie in lockeren, durchlässigen Boden in sonniger bis halbschattiger Lage stehen kann. An ungünstigen Stellen kann die ansonsten sehr robuste und anspruchslose Sorte Schorf und vermehrt Steinzellen bekommen.

Die Sommer-Apothekerbirne blüht mittelfrüh und ist ein guter Befruchter für andere Birnensorten. Eine Eigenart von ihr ist es, dass sie oft noch eine zweite Blüte im Herbst hervorbringen kann.

Die im Spätsommer reif werdenden Früchte sind birnenförmig, dickbauchig und unregelmäßig geformt. Die mittelgroßen Birnen mit ihren charakteristisch langen Stielen weisen eine goldgelbe Farbe mit rötlichen Flammen oder Verwaschungen auf. Das gelbweiße Fleisch ist fast honigsüß mit leichter Säure und muskatartigem Geschmack. Es kann leicht herb sein und Steinzellen enthalten. Die bis zu drei Wochen lagerfähigen Früchte eignen sich nicht nur zum Frischverzehr, sondern auch hervorragend zum Dörren oder für die Verwertung zu Kompott und Marmelade. Gekocht schmecken sie sehr delikat.

Der Ertrag ist zuerst recht gering, in späteren Jahren regelmäßig und mittelhoch. „Sie … können im Alten einbringen, was sie jung versäumt haben“, urteilt Schiller. Was gerade bei Birnen an der Sorte liegen kann: Manche tragen als große Bäume schon nach drei Jahren, andere erst ein paar Jahre später. Es sollte bei Hoch- und Halbstämmen immer darauf geachtet werden, dass die Bäume in den ersten Standjahren durch gezielte Schnitt- und Düngungsmaßnahmen zuallererst ein tragfähiges Gerüst bekommen und sie danach erst die ersten Früchte bilden dürfen.

Als Hoch- oder Halbstamm erweist sich die Sorte als sehr starkwüchsig, treibt nach Schillers Worten „wacker Holz“, bildet große und breite Kronen, jedoch kann der Wuchs des sich nur wenig verästelnden Baumes krumm und sparrig sein – und somit für Obstliebhaber eine reizvolle Herausforderung darstellen. Für schwachwüchsige Unterlagen und für eine Erziehung als Spalierbaum ist die Sommer-Apothekerbirne, die auch noch für Höhenlagen berücksichtigt werden kann, leider nicht verwendbar.

„Ist an seiner dünnen Belaubung und an seinem im Winde, wie die Pappelblätter, zitterndem Laube leicht kenntlich“, führt eine österreichische Gartenzeitschrift in den 1930er Jahren auf als sortentypisches Merkmal der Sommer-Apothekerbirne auf. „Safran-“, „Zimmet-“, „Herren-“, „Sommer-Zucker-“, „Zuckerkand-“, „Malvasier-“ (nach der bedeutenden Rebsortenfamilie ‚Malvasier‘), „Straßburger -“ und „Türkenbirne“ sowie die österreichische Bezeichnung „Plutzerbirne“ deuten auf die einstige größere Verbreitung der Sorte hin. Dazu gesellen sich aus der Pfalz die landläufigen Namen „Bankratzius-“ und „Bankrutzisbirne“, die Verballhornungen des französischen Sortennamens sind.

In Meckenheim hat die Sorte inzwischen wieder Fuß gefasst: 2014 wurden die ersten Bäume davon auf der Streuobstwiese am Schleitgraben gepflanzt. Inzwischen sind dort weitere dazugekommen.

Text: Rainer Rausch
Bild: Aurélie [Klasse 1b]

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